Der Rechtsspruch zu Babys aus der Retorte

Der Prozeß der Befruchtung der weiblichen Eizelle durch die männliche Samenzelle mittels Reagenzgläsern stellt eine Form der medizinischen Behandlung dar, wobei die Zusammenführung der beiden Zellen außerhalb des ursprünglich zur Befruchtung vorgesehenen Ortes stattfindet. Die befruchtete Keimzelle wird anschließend operativ in die Gebärmutter der Frau eingesetzt, wo die natürliche Austragung des Embryos erfolgt.

An sich hat die Befruchtung in der Gebärmutter auf jenem natürlichen Wege zu erfolgen, den Allah dem Menschen instinktiv eingegeben hat. Die natürliche Befruchtung kann jedoch unter gewissen Umständen erschwert oder gar unmöglich sein. So kann zB der Eileiter der Frau verlegt oder verwachsen sein, ohne daß etwaige operative Eingriffe zur Öffnung oder Heilung desselben führen. Andererseits können die Samenzellen des Mannes zB aufgrund von Motilitätsstörungen zu schwach oder zu langsam sein, als daß sie an die zu befruchtende Eizelle gelangen. Auch in diesem Fall führt die medizinische Behandlung nicht unbedingt zum gewünschten Resultat. Die Folge wäre die Verhinderung der Fortpflanzung für das betroffene Ehepaar. Die Fortpflanzung ist vom Islam jedoch mit Nachdruck empfohlen worden und so können eventuelle Erschwernisse oder Hindernisse bei der natürlichen Befruchtung der Eizelle durch die Vornahme einer künstlichen Befruchtung außerhalb der natürlichen Umgebung – der Gebärmutter – umgangen werden. Hierbei erfolgt die Zusammenführung der Samen- und Eizelle in einer Retorte, die den gleichen Umweltbedingungen wie die Gebärmutter ausgesetzt wird. Anschließend wird die so befruchtete Eizelle in ihre natürliche Umgebung – in die Gebärmutter – eingesetzt, um die natürliche Schwangerschaft und darauffolgende Geburt zu ermöglichen.

Bei dem beschriebenen Vorgang handelt es sich um einen medizinischen Eingriff, den der Islam gestattet – der also "halâl" ist, da es hierbei um eine Behandlung geht, die auf die Realisierung dessen abzielt, was der Islam empfohlen hat, nämlich die Vermehrung und Fortpflanzung, die ja auch zu den wesentlichen Zielen einer ehelichen Bindung gehören. So wird von Anas überliefert, daß der Prophet (s) gesagt hat: "Heiratet die Liebevolle, die Gebärende, denn am Jüngsten Tage werde ich vor den Propheten mit Stolz auf eure Anzahl verweisen." cAbdullah ibn cUmar hörte den Propheten sagen: "Heiratet die gebärenden Frauen, denn ich werde mich am Jüngsten Tage eurer Anzahl rühmen." (überliefert von Imam Ahmad)

Sofern also eine Behandlung zur Gewährleistung der natürlichen Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt erfolglos bleibt und die Möglichkeit der künstlichen Befruchtung der Eizelle außerhalb des weiblichen Körpers und die Rückführung derselben nach vorgenommener Befruchtung in die Gebärmutter gegeben ist, so ist dies statthaft. Denn einerseits empfiehlt der Islam schon an sich die Behandlung von Krankheiten, andererseits wird die Fortpflanzung und Vermehrung gesichert, zu der der Islam die Muslime wiederholt angehalten hat.

Gewöhnlich wird der Weg der künstlichen Befruchtung nur gewählt, wenn die natürliche Befruchtung der weiblichen Keimzelle durch die männliche Samenzelle im Eileiter nicht erfolgen kann oder äußerst unwahrscheinlich ist.

Der Islam setzt voraus, daß die künstliche Befruchtung in der Retorte nur zwischen der Samen- und Eizelle von Eheleuten zustande kommt und daß die so befruchtete Eizelle in der Folge nur in die Gebärmutter der Ehefrau eingesetzt wird. Es ist verboten (Harâm), die künstlich befruchtete Eizelle einer anderen Frau, als jener, der die Keimzelle entnommen wurde, einzusetzen – ein Vorgang der mit dem Begriff "Leihmutterschaft" bezeichnet wird.

Ebenso ist es harâm, daß die Samenzellen des Mannes zur Befruchtung der Eizelle einer fremden Frau herangezogen werden, selbst wenn die so befruchtete fremde Eizelle in die Gebärmutter der Ehefrau jenes Mannes eingesetzt wird, von dem die Samenzellen stammen.

Des weiteren ist es für eine Frau nicht erlaubt, sich eine Eizelle operativ entnehmen zu lassen und sie von Samenzellen eines Mannes, mit dem sie nicht verheiratet ist befruchten zu lassen, auch wenn die befruchtete Eizelle in der Folge in ihre eigene Gebärmutter eingesetzt wird. Somit ist die Existenz von Samenbanken, in denen sich Frauen den Samen von fremden Männern mit gewissen Eigenschaften und bestimmtem Aussehen aussuchen und diesen verwenden um eine Schwangerschaft herbeizuführen, vom Standpunkt des islamischen Rechts betrachtet verwerflich.

Die zuletzt erwähnten drei Formen der künstlichen Befruchtung sind also harâm, da sie zur Verwirrung der Verwandschaftsverhältnisse und zum Verlust der Abstammungskenntnis führen, und dies ist der Šarîca zufolge verboten.

So überliefert Abu Huraira, daß er den Propheten (s) nach Offenbarung des auf den Verfluchungsschwur bezogenen Verses sagen hörte:

"Jedwede Frau, die einer Sippschaft Nachkommen zusetzt, die nicht von ihr sind, gehört keinesfalls zur Gemeinschaft Allahs. Und Allah wird sie nicht ins Paradies einkehren lassen. Jedweder Mann, der sein Kind leugnet, während er es anblickt, dem wird Allah verborgen bleiben! Er wird ihn vor Augen der ersten und letzten (Menschen) entblößen."

Diese verbotenen Formen künstlicher Befruchtung ähneln durch uneheliche Beziehungen (Zinâ) hervorgerufener Zeugung bzw. Schwangerschaft, mit dem Unterschied jedoch, daß kein Geschlechtsverkehr vorausging. Daher finden die in der Šarîca vorgesehenen Strafen (Hudûd) für außerehelichen Geschlechtsverkehr im Falle der verbotenen Formen künstlicher Befruchtung keine Anwendung. Das Ausmaß der Strafe für diese Handlungen wird vom Richter festgesetzt.