Die Erziehung unserer Kinder

von Fatima Grimm

Die Tatsache, dass ich, eine gebürtige Europäerin, den Islam erst als Erwachsene kennen gelernt habe, hat mir die Augen für verschiedene Probleme geöffnet, denen die meisten Muslime heute nahezu blind gegenüberstehen. Wie ernst diese Probleme sind, habe ich nicht nur in der Theorie, also aus Büchern und Zeitschriften erfahren, sondern auch in der Praxis während meines dreijährigen Aufenthalts in Pakistan selbst gesehen. Das Wichtigste erscheint mir als Frau und Muslima dabei das Problem der islamischen Erziehung des Kindes zu sein.

Wie ich - von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen feststellen musste, wird in den Muslimfamilien dafür bittet wenig getan. Das Kind bekommt zwar einige islamische Bräuche mit, das heißt es wird zu Hochzeiten mitgenommen und erlebt die alljährlichen Feiertage. Ansonsten verlassen sich die Eltern zum größten Teil auf den Religionsunterricht in der Schule - den es in den meisten Fällen für Muslime gar nicht gibt, weil sie selbst erziehungsfaul und zu bequem dazu sind.

Und selbst dort, wo die Kinder die Kalimat und das arabische Gebet zuhause lernen, wird sich selten jemand finden, der ihnen auch ihrem Verständnis entsprechend die Bedeutung dessen erklärt, was sie da nachsprechen. Im Unterricht aber kann selbst der beste Lehrer kaum das nachholen, was das Elternhaus in den ersten Lebensjahren des Kindes versäumt hat. Die Bedeutung der Kindererziehung kann gar nicht genug heraus gestellt werden. Denn so, wie wir unsere Kinder so und nicht anders wird die Welt des Islam von morgen aussehen.

Wenn wir mit der Erziehung unserer Kinder so weitermachen wie bisher, werden sie im Laufe der Zelt usw. Masse von halbgebildeten Nationalisten, Kommunisten oder Humanisten und das Gebäude des Islam wird in den nächsten fünfzig Jahren bis zur Unkenntlichkeit auseinanderfallen und zerbröckeln. Wem jedoch diese Kinder durch unsere Erziehung zu durch und durch überzeugten Muslimen und wahren Kämpfern für den Islam werden, haben wir eine echte Chance, die islamische Ordnung in allen Lebensbereichen wiederherzustellen und an dieser großen Aufgabe selbst über unseren Tod hinaus noch mitzuwirken.

Wenn wir uns den Islam als eine Säule vorstellen und die vergangenen Jahrhunderte überblicken, so können wir sagen: diese Säule ist in der Welt der Muslime im großen und ganzen senkrecht gestanden. Auf der einen Seite brandeten zwar die Wellen des Dar-uI-Harb, der Ungläubigen, gegen diese Säule an. Doch sie blieb gerade auf ihrem Platz stehen, weil sie einerseits von den Muslimen fest gehalten wurde und weil andererseits der Ansturm des Kufr, des Unglaubens, nicht übermäßig stark war.

 

DIE SÄULE DES ISLAM

Heute jedoch hat sich diese Säule in gefährlicher Weise zu unseren Ungunsten geneigt. Es ist ein physikalisches Gesetz, dass Geradestehendes viel leichter zu halten ist als Geneigtes. Wenn es aber nicht nur schwieriger ist, eine solchermaßen geneigte Säule überhaupt an Ort und Stelle zu halten, um wie viel größere Anstrengungen sind dann erst nötig, sie wieder aufzurichten? Insbesondere weil es ja die dagegen wirkenden Kräfte inzwischen auch noch bedeutend leichter haben. Sie brauchen sich, bildlich gesprochen, nur noch bequem auf die schon geneigte Säule hinzusetzen und gar nicht mehr mit großem Aufwand dagegen zu drücken. Das ist die Lage, in die sich der Islam heute den Einflüssen des Dar-ul-Harb oder der westlichen Welt gegenüber versetzt sieht.

Wer dies einmal verstanden hat, wird sich auch der ungeheuren Herausforderung bewusst, der wir Muslime heute gegenüberstehen und fühlt die enorme Verantwortung, die gerade den Gebildeten zufällt. Das betrifft aber nicht nur die Männer, sondern in ganz besonderer Form auch die Frauen, denn die Familie ist auch heute noch wie seit Jahrtausenden die Keimzelle jeder Nation - in unserem Fall der weltweiten Nation der Muslime.

Ich glaube, wir Frauen dürfen heute ohne Unbescheidenheit von uns sagen, dass wir mehr wissen und intelligenter sind als es unsere in ihrer Ausbildung weit weniger begünstigten Großmütter waren. Wir brauchen diese Intelligenz aber auch wesentlich notwendiger, denn wir müssen mit technischen Geräten und Autos umgehen können, gegebenenfalls mitverdienen und beim Haushalten und in vieler anderer Hinsieht unseren Vorteil zu wahren wissen. Weil so unsere Intelligenz ständig erprobt und erweiten wird, weil wir sehen, was wir durch ihren richtigen Einsatz erreichen können, sollten wir uns ihrer aber auch wirklich bewusst bedienen.

Das heißt, sie wäre vergeudet, wenn wir sie nur zum Geldverdienen, Haushalt führen, Fernsehen, Schönmachen und Kinder spazieren fahren verwenden würden. All das muss auch sein - bis auf das Geldverdienen vielleicht - aber nicht nur. Wir müssen uns ganz bewusst die Frage stellen, was hier auf Erden neben der Erfüllung unserer religiösen Grundpflichten unsere wichtigste Aufgabe ist, auf welchem Gebiet wir am unentbehrlichsten sind. Die Antwort muss lauten: von Natur aus sind wir vor allem anderen dazu ausersehen, Mutter zu sein. Und wie ungeheuer wichtig diese Rolle ist, lässt sich unschwer aufzeigen.

 

Was ist heute der allgemeine Trend? Man hat ein oder zwei Kinder. Diese werden baldmöglichst in den Kindergarten, anschließend in die Schule gesteckt. Und im übrigen wird gehofft, dass einmal etwas, Ordentliches" aus ihnen wird, wobei man viel zu vieles dem Zufall überlässt. Das kann und darf eine bewusst lebende Muslima einfach nicht befriedigen. Sie muss sich über ihre Aufgabe als wichtigste Erzieherin der Kinder voll im Klaren sein. Sie kann sich niemals darauf herausreden, dass die Kinder in der Schule nicht genügend oder überhaupt keinen Religionsunterricht erhielten. Denn darüber sind wir als Muslime uns ja einig: das Wichtigste für unser Leben ist das weit-anschauliche Rüstzeug. Es ist gewiss tausendmal besser, einen gottesfürchtigen Schuster zum Sohn zu haben, als den erfolgreichsten Chirurgen, wenn dieser nicht an Gott zu glauben vermag. Der Grundstein für einen fest verankerten Glauben jedoch wird im Elternhaus und unter der liebenden Fürsorge der Mutter gelegt. Was hier versäumt wurde, lässt sich meist ein Leben lang nicht mehr aufholen.

 

Wie aber macht man das: seine Kinder islamisch erziehen? Ich meine, man sollte hier vier verschiedene Stufen der Erziehung herausstellen.

 

DIE ISLAMISCHE ERZIEHUNG DES KINDES

Die erste Stufe, die sich auf die ganze Zeitspanne zwischen Geburt und Verlassen des Elternhauses erstreckt, übt - wie uns die moderne Kinder-Psychologie lehn ihren wichtigsten Einfluss auf die Kinder bereits in den ersten Lebensjahren aus. Das Kind sollte in ein islamisches Millieu hineingeboren werden. Dieses islamische Milieu offenbart sich in unendlich vielen kleinen und großen Dingen.

 

Dazu gehört vor allem, dass sich die Eltern gegenseitig lieben und ehren, dass sie getreu den islamischen Vorbildern geduldig sind und ihren Kindern fürsorgliche Liebe entgegenbringen. Es gehört dazu, dass die Kinder ihre Eltern beten sehen, dass sie gelegentlich Rezitationen aus dem Qur'an hören - es gibt so wunderschöne Tonkassetten heutzutage -, dass sie merken, wenn Ramadan ist, wenn `Id gefeiert wird und wenn liebe Muslim-Freunde kommen. Es gehört ebenfalls dazu, dass sie schon in den ersten Lebensmonaten Worte wie Allah, Muhammad, Islam und Qur'an mit liebevoller Stimme gesprochen hören.

 

Dies alles tun wohl viele von uns. Aber was nur wenige von uns tun, und was dennoch genauso zu diesem islamischen Milieu  gehört,  ist  die materielle Einrichtung eines Hauses, in dem Muslime leben. Damit meine ich nicht liebevolle Geschmacklosigkeiten, islamischen Kitsch, sondern echte, unverfälschte Kultur. Die Kinder sollten schöne Kalligraphien an den Wänden hängen sehen, hier und da vielleicht einen schönen Teppich oder andere Gegenstände, die man im durchschnittlichen westlichen Haushalt kaum antreffen kann, Und schließlich sollten Muslime darauf bedacht sein, zuhause Kleider zu tragen, die in islamischen Ländern üblich sind. Und sie sollten, zumindest im Wohnzimmer, stets die Schuhe ablegen.

 

All dies ist auch deshalb so wichtig, weil die Kinder islamische Lebensgewohnheiten nicht erst kennen lernen sollten, wenn sie mit ihren Eltern in ein Muslim-Land reisen.

 

Diese beiden Aspekte des islamischen Milieus, der geistige und der materielle, ergänzen sich, wirken auf das Kind ein und geben ihm, was mir das Allerwichtigste zu sein scheint: ein deutliches Gefühl des Andersseins, was ja in diesem Fall gleichzusetzen ist mit Bessersein und zu einem gesunden Selbstbewusstsein führt.

 

Wir wollen also noch einmal zusammenfassen:

 

Dass ein Heim dieses islamische Milieu, diese islamische Ausstrahlung besitzt, verdankt es vor allem der Frau und Mutter, die mit wachsendem Verständnis für den Islam erkannt hat, dass ein paar schöne arabische Schriftzüge viel besser als irgendwelche modernen Gemälde sind, und dass gut rezitierte Verse aus dem Qur`an den Ohren bedeutend wohler tun als der neueste Schlager von James Last.

 

Das Kind, das ja weit mehr begreift, als wir bisher gemeinhin annahmen, schult so Auge und Ohr, Gefühl und Verstand an wahrhaft schönen Dingen und wird sich deshalb bewusst, dass Muslim sein besser sein bedeutet. Wo dieser, nennen wir es mal kulturelle Hintergrund fehlt, ist es in Gefahr zu fühlen, dass Muslim sein nur anders sein heißt, und damit können sich bereits die ersten Minderwertigkeitsgefühle einsteifen, während wir als Muslime gegenüber Nicht-Muslimen nie etwas anderes als ein Gefühl der Überlegenheit haben müssen.

 

Die zweite Stufe möchte ich die des Erzählens nennen. Wir wissen heute, wie sehr das Bewusstsein des Kindes durch frühe Grusel- und Schauergeschichten geprägt wird, und wie es andererseits durch erhebende Erzählungen beflügelt werden kann. Hier öffnet sich für die Mutter ein weites Feld. Zum einen erweiten sie ihr eigenes Wissen, indem sie die Geschichten der früheren Propheten im Qur`an nachliest und die wunderschönen Überlieferungen über den Propheten Muhammad, die ersten Kalifen und andere hervorragende islamische Persönlichkeiten studiert. Zum anderen muss sie aber auch all ihre Intelligenz, ihren Witz und ihre Liebem ihren Kindern zusammennehmen und nun aus all diesem einen nützlichen, inspirierenden und beglückenden Erzählstoff für die Kinder zusammenstellen. Gerade vom zweiten bis etwa fünften Lebensjahr hängt so ein kleines Kerlchen doch vornehmlich am Rockzipfel der Mutter. Niemand kann von Ihr verlangen, dass sie Hausarbeit sein lässt und sich ständig nur mit dem Kind beschäftigt. Aber gerade während sie kocht und abwäscht, bügelt und näht, lässt sich so schön die eine oder andere Geschichte erzählen, an die sich meist eine längere Unterhaltung anschließt, weil das Kind manches noch genauer wissen will oder etwas nicht ganz verstanden hat. Man kann hier ganz ungeheuer viel für die Formung des kindlichen Charakters tun, man kann Wertmaßstäbe errichten, deren Gültigkeit sich im ganzen Leben stets erneut beweist.

 

Lassen Sie mich ein paar Beispiele anführen: Wie war das doch mit dem kleinen Moses, als er in seinem Kistchen bis in den Garten des bösen, hochmütigen Pharao geschwommen ist? Was für ein Wunder, dass die geldgierigen Zauberer des Pharao es vorzogen, sich zu Tode quälen zu lassen, anstatt die göttliche Hilfe zu bestreiten, die Moses erhielt, als aus seinem hingeworfenen Stock eine Schlange wurde. Und wie gerecht war Allah, als Er für Moses und die Seinen das Meer teilte und sie entkommen ließ, während der unbelehrbare Pharao jämmerlich ertrinken musste.

 

Oder Abraham - was für einen starken Glauben muss er gehabt haben, dass er aus Liebe zu Gott seinen eigenen Sohn zu opfern bereit war? Und wie gnädig war Allah, als Er ihm dieses schwere Opfer erließ, nachdem Er die Bereitwilligkeit Abrahams und seines Sohnes gesehen hatte. Und wie war es doch mit Noah und seiner Familie? Wäre der Sohn Noahs nicht so selbstherrlich gewesen zu glauben, er sei sicherer, wenn er seinem eigenen Gefühl folge und Schutz auf einem Berg suche, wo Allah doch eigens verkündet hat, dass nur die in der Arche gerettet werden würden. So musste er wegen seines mangelnden Glaubens zugrunde gehen, während Noah mit all den Tieren gerettet wurde. Und schließlich die Geschichte von Jusuf und seinen neidischen Brüdern, die ihn für schäbiges Geld verkauften. Wie unbeirrbar war er in seiner Treue zu seinem Herrn, dass er den Verführungskünsten Sulaikas nicht nachgab. Wie geduldig nahm er das schwere Los seiner unverdienten Gefangenschaft auf sich, wie getreulich verwaltete er dann später die ihm anvertrauten Ernten der guten Jahre und half seinem Volk, die schlechten durchzustehen. Und wie barmherzig war er schließlich zu seinen ungerechten Brüdern. Dies sind doch alles Geschichten, wie man sie nicht annähernd so schön in den gängigen Märchenbüchern finden kann. Dazu kommt dass sie nicht nur lehrreiche Unterhaltungen sind, sondern auch ein Stück Religionsunterricht. Den gibt es sowieso spät in der Schule.

 

Wenn wir die ganze uns zu Gebote stehende Intelligenz benutzen und es verstehen, in unseren Erzählungen die Propheten und deren Gefährten zu lebensechten Persönlichkeiten erstehen zu lassen, wenn unser Religionsunterricht von warmer Liebe erfüllt ist und nicht zur bigotten, langweiligen Predigerei erstarrt, wird Kindererziehung zur Berufung, so wie es von Natur aus ja auch gewollt ist.

 

Die dritte Stufe, die sich auf den ersten beiden aufbaut, ist die der islamischen Pflichten. Es ist nur natürlich, dass das Kind seine betende Mutter imitieren will. Also bekommt es selbst einen kleinen Gebetsteppich - es kann ruhig irgendein Deckchen oder dergleichen sein - und darf sich neben die Mutter stellen. Zunächst wird es dieses Mitbeten höchstens eine halbe Minute aushalten. Langsam aber kann man ihm die Worte vorsprechen und es wird mit immer größerer Begeisterung versuchen, sie nachzusprechen, bis es im Lauf der Zeit fast unbemerkt das ganze Gebet gelernt hat. Wichtig dabei ist selbstverständlich viel Lob, für das ja jedes Kind empfänglich ist.

 

Ähnlich ist es beim Fasten. Das Kind kann zuerst Stunden, dann halbe Tage und schließlich auch einmal einen ganzen Tag mitfasten. Dabei ist es sehr wichtig, Sahur und Iftar recht festlich und bedeutungsvoll zu gestalten. Wie stolz ist das Kind, wenn es zum ersten Mal lang vor Morgengrauen mit den Eltern frühstücken darf, was für ein befriedigendes Gefühl, wenn es tatsächlich erstmals einen ganzen Tag durchgehalten hat. Ich glaube, viele Eltern werden die Beobachtung machen können, dass das Kind förmlich darum bettelt, wieder mitfasten zu dürfen, anstatt dass man es dazu überreden müsste. Auch hier merkt es bald, dass es mehr kann als etwa die christlichen Nachbarkinder und wird deshalb stolz sein, einer Muslim-Familie anzugehören. Sicher ergibt sich auch dann und wann Gelegenheit, dem Kind einen Groschen für einen Bettler in die Hand zu drücken oder ihm zu erklären, warum ein schönes, blankes Geldstück in die Sammelkasse für eine Moschee wandert und nicht zum Kauf von Spielzeug verwendet wird, um es so mit Zakat vertraut zu machen. Und von der Pilgerfahrt lässt sich so vieles erzählen, dass es die Phantasie des Kindes anregen kann und es beginnt, sich nach dieser Reise zu sehnen. Wenn dieses Stadium zu Ende ist, soll das Kind, zumindest in Bezug auf seine Grunderziehung, bereits ein vollweniger Muslim sein.

 

Es ist dann reif und aufnahmefähig für die vierte Stufe, die des Dschihad. Wir haben dem Kind inzwischen beigebracht, dass das Leben auf Erden eine Prüfling Gottes ist, und dass nur der aus dieser Prüfling erfolgreich hervorgehen kann, der sich dem Willen Gottes in Ehrfurcht und Demut unterwirft. Es liegt jedoch in der Natur des Menschen, und ganz besonders des jungen, tatendurstigen Menschen beschlossen, dass er seinem Leben einen Sinn geben möchte - ein Ziel, auf das hinzuarbeiten er bereit ist, die größten Mühen auf sich zu nehmen. Natürlich gibt es eine große Zahl von sogenannten Nahzielen im Alltagsleben: dass man die religiösen Pflichten nicht vernachlässigt, dass man Abschlussprüfungen besteht, dass man eine Krankheit überwindet, dass man einen guten Beruf erlernt, dass man einen liebevollen Ehepartner findet und brave Kinder großzieht. Doch dies betrifft weitgehend die eigene Person. Oder man könnte es auch als Sprossen zur Leiter nach oben bezeichnen. Denn der gesunde Ehrgeiz sehnt sich nach Höherem. Und wenn er nicht in die rechten Bahnen geleitet wird, dann lässt er sich allzu leicht von Demagogen für falsche Idole begeistern, mögen sich diese nun Nationalismus, Sozialismus, Humanismus oder sonst wie nennen.

 

Im Dschihad, dem Kampf für die Sache des Islam, gibt uns unsere Religion ein höheres Lebensziel in die Hand, das in seiner Vielseitigkeit jedem Menschen, gleich welche Anlagen er von Natur aus mitbekommen hat, die besten - weil von Gott aufgezeigten - Betätigungsmöglichkeiten eröffnet. Denn kämpfen für Gottes Sache lässt sich zwar vor allem mit dem Schwert; wo dies jedoch nicht möglich oder notwendig ist, auch mit der Feder, dem Spaten, dem Skalpell oder meinetwegen sogar mit der Nähnadel oder dem Kochlöffel.

 

Der Dschihad ist ein Verteidigungskampf gegen alle Kräfte, die den Islam anzugreifen versuchen. Wenn wir mit wachern, offenem Blick die Weltlage betrachten, so finden wir, dass dieser Angriff von allen nur erdenklichen Seiten mit allen nur möglichen Mitteln ohne Unterlass geführt wird. Nicht erst während des Junikriegs im Nahen Osten, schon vorher wurden Muslim-Länder überall in der Welt mit militärischen Mitteln unter Beschuss genommen. Ebenso eifrig waren geistige Kräfte am Werk, um den Islam als Religion im herkömmlichen Sinn ins Lächerliche zu ziehen Und die schönsten islamischen Bräuche, mögen sie sich nun auf Kleidung oder Tischsitten, auf Bauweise oder Einrichtung beziehen, sind zumeist hässlichen, jedoch angeblich praktischen Unsitten gewichen oder wenigstens vor deren Ansturm im Wanken begriffen. Eine tragische Verkettung von fataler Unterschätzung der ,,kulturellen" Einflüsse aus dem Westen und kindlicher, nachahmungsbegieriger Bewunderung für alle modernen Errungenschaften ging hier einher mit dem eigentlich unverzeihlichen Irrtum, den Islam nur als Religion zu betrachten. Man vergaß völlig, dass Islam Leben in völliger Übereinstimung mit Gottes Willen und Seinen Gesetzen in jedem Bereich bedeutet, dass er sich nicht nur auf das Verhältnis der Menschen zu Gott, auf das Gebet und die Hoffnung auf das Jenseits bezieht, sondern ebenso völlig auf unser Leben hier auf Erden. So konnte es geschehen, dass Generationen von Muslimen heranwuchsen, die zwar mit größter Zungenfertigkeit alle Kalimat aufsagen konnten und die religiösen Vorschriften bis ins letzte i-Tüpfelchen beherrschten, vom Geist des Dschihad aber so gut wie keine Ahnung hatten. Und das wiederum machte es den antiislamischen Kräften nur um so leichter, sich durchzusetzen.

 

Wir sehen die verheerenden Folgen dieser Fehlerziehung heute, wohin wir nur blicken. Und diese Erkenntnisse müssen uns helfen, es selbst besser, wirklich wesentlich besser zu machen. Das gebietet uns unsere Liebe sowohl zu Gott wie auch zu unseren Kindern und unser Verantwortungsgefühl ihnen gegenüber. Wir müssen ihnen so lohnende Ideale vor Augen halten, dass sie gar nicht erst aus Langeweile auf den Gedanken kommen, sich in den Haschischrausch zu flüchten. Und wir müssen ihnen vor allem das wohl beliebteste Modewort unserer Zeit richtig erklären, nämlich den Fortschritt. Wenn sie einmal begriffen haben, wie schal und armselig dieser Fortschritt in Wirklichkeit ist, solange er sich auf das Materielle, Technische beschränkt, werden sie freudig alle ihre Energien für den einzigen wahrhaften, nämlich den geistigen Fortschritt der Menschheit einsetzen, der seinen Ausgang in dem eigenen lebenslangen Streben nach Vollkommenheit hat.

 

Ich meine, dass wir etwa um das 15. Lebensjahr herum damit rechnen dürfen, unsere Kinder für den Begriff des Dschihad aufgeschlossen zu finden. Wir müssen ihnen dann zeigen, auf welchen Gebieten unser Glaube den Angriffen des Dar-ul-harb ausgesetzt ist und ihnen Wege eröffnen, die es ihnen einmal ermöglichen sollen, die Verteidigung erfolgreich in die eigenen Hände zu nehmen. Dazu gehört, dass wir als Mütter nicht feige und ängstlich darauf bedacht sind, unsere Söhne vor jeder Gefahr zu bewahren. Wir könnten es sowieso nicht, denn wenn Gott ihre Stunden für gekommen hält, kann sie ebenso ein Auto überfahren oder eine Krankheit heimsuchen. Vielmehr sollten wir ihnen immer vor Augen führen, was für eine großartige Auszeichnung es für jeden Muslim ist, für die Sache des Islam mit der Waffe in der Hand kämpfen zu können. Einen größeren Verdienst kann er sich ja durch nichts auf Erden erwerben. Sollte ihm die Möglichkeit verwehrt sein, aktiv an diesem Kampf teilzunehmen, dann kann man als Muslim aber ebenso mit Wort und Schrift für die Sache Gottes streiten, man kann als Arzt kranken und verwundeten Muslimen helfen; man kann als Ingenieur wichtige technische Geräte entwickeln, als Architekt lebensnotwendige Gebäude errichten - diese Reihe ließe sich bis ins Unendliche fortsetzen. Wenn wir Muslime verschiedene dieser Tätigkeiten wie bisher lediglich als Broterwerb ausüben, so werden wir wohl auch wie bisher recht und schlecht unser Soll erfüllen. Wissen wir jedoch, dass wir es als Dschihad tun, dass wir dadurch unsere Bausteine zur Errichtung des Schutzwalls gegen die antiislamischen Kräfte beitragen, so werden wir am ehesten in der Lage sein, auch wieder Überdurchschnittliches zu leisten, wie wir es schließlich früher jahrhundertlang getan haben.

 

Aber auch unsere Töchter können wir durchaus in diesen Dschihad mit einbeziehen. Dazu gehört zum einen, dass wir ihnen eine gute Ausbildung mit auf den Lebensweg geben. Zum anderen aber schließt es auch ein, dass wir ihnen entgegen dem allgemeinen Trend unserer Zeit wieder die echte Begeisterung für ihre Aufgaben als Frau und Mutter vermitteln. Sie müssen an unserem Beispiel sehen, wie lohnend und sinnvoll es ist, einen Mann glücklich zu machen und liebe, nützliche Kinder großzuziehen, und dass man dafür getrost alle Ambitionen auf irgendwelche Karrieren als Mannequin, Sängerin oder Schauspielerin ablegen kann.

 

Wenn wir einmal richtig verstanden haben, wie ungeheuer wichtig die islamische Erziehung unserer Kinder ist, wenn wir uns unserer schweren aber beglückenden Verantwortung als Eltern bewusst sind, werden wir uns dieser Aufgabe mit allem Enthusiasmus widmen. Und dann wird uns mit Gottes Hilfe auch der Erfolg beschieden sein, der einmal den endgültigen Triumph des Islam auf Erden herbeiführen wird. 

Quelle: Fatima Grimm, Informationszentrale, Islamisches Zentrum München

ISBN 3-89263-603-6

@ Ekrem Yolcu